Gespräch mit Marie Jacquot, Erste Kapellmeisterin der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg

Von Gisela Rudolph

Mit großem Erfolg dirigierte die 31-jährige Pariserin „Il Barbiere di Siviglia“, Auftaktpremiere am 11. Juni im Düsseldorfer Opernhaus nach dem Corona-Lockdown. Nach ihrem Studium in Wien absolvierte sie Meisterkurse bei so bedeutenden Dirigenten wie Sir Simon Rattle und Zubin Mehta. Sie ist regelmäßig Gastdirigentin an der Bayerischen Staatsoper und sammelte Kapellmeister-Erfahrungen bereits am Mainfranken Theater Würzburg. 2019 wurde sie mit dem Ernst-von-Schuch-Preis ausgezeichnet, der den Dirigiernachwuchs fördert.

Gelegenheit, Marie Jacquot ein paar Fragen zu stellen – natürlich auch zu ihrer Tennis-Karriere als Teenager.

Sie waren Im Frühjahr  2020 am Corona-Virus erkrankt. Haben Sie alles gut überstanden? 

Marie Jacquot:

Ja, ich habe dieses Corona-Jahr, im Vergleich zu anderen Erkrankten, gut überstanden. Ich habe eine Festanstellung an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, ich konnte einige Streaming-Konzerte dirigieren und viel Zeit mit meinem Partner verbringen. Das einzige, was wahrscheinlich für immer verloren ist: Ich habe immer noch nicht meinen vollständigen Geruchssinn wiedererlangt. 

Was waren Ihre größten Erfolge als Tennisspielerin? Sie haben ja sogar an den French Open  teilgenommen.

M.J.

So jung kann man, glaube ich, noch nicht über große Erfolge sprechen. Bedeutend wäre es vielleicht geworden, wenn ich weitergespielt hätte.

Wie kamen Sie auf die Idee, Posaune zu spielen?

M.J.:

Es war ein Zufall. Das „Orchestre des cuivres de Paris“ hatte ein Konzert in Lucé gegeben, einer kleine Stadt bei Chartres. Ein Posaunist spielte als Solist und ich sagte ich zu meiner Mama: „Ich möchte dieses Instrument spielen.“

Spielen Sie heute noch Posaune?

M.J.

Leider schon lange nicht mehr, aus Zeitgründen und weil mein Kiefer sich verändert hat – ich verletze mich mit meinem Mundstück beim Spielen. Dafür, auch wenn ich ganz schlecht spiele, versuche ich jeden Tag etwas Klavier zu spielen, weil Spielen ganz anders ist als Dirigieren.

Hat sich das Posaunespiel auf Ihren Dirigierstil ausgewirkt?

M.J.

Ich glaube, sowohl Tennis als auch Posaune hatten einen Einfluss auf mein Dirigat und meine Persönlichkeit! Ich konnte viele Zusammenhänge finden, so dass ich von beiden Tätigkeiten sehr profitiert habe. Beispielsweise das Zusammenspiel, die Vorbereitung, der sportive Aspekt beim Dirigieren oder Posaune spielen, der Fokus, im Voraus zu denken oder zu lesen, die Unabhängigkeit beim Bewegen der Armen usw…

Wie ist Ihr Verhältnis zur Regie? Würden Sie bei Inszenierungsideen eingreifen,  wenn sie die Musik eventuell behindern könnten?

M.J.

Eingreifen ist ein zu strenges Wort. Ich liebe es, wenn ich in die Regiearbeit einbezogen werde, wenn ich die Regie mit der Musik unterstützen kann und wenn diese Unterstützung auf Gegenseitigkeit beruht. Jede Situation ist anders, aber immer geht es darum, ein Gesamtkunstwerk zu formen. Und Oper sollte lebendig bleiben! Um reine Musik hören zu können, kann man zu einer Studio Aufnahme greifen. 

Was sind Lieblingsstücke und -komponisten? Gibt es auch Werke, vor denen Sie (vorerst) zurückschrecken?

M.J.

Bach ist mein absoluter Lieblingskomponist. Aber ich mag eigentlich alles! Verschiedene Genres, Musikrichtungen usw… Ich möchte nur step by step nach vorne gehen und die Freude am Musizieren behalten. Wenn ich spüre, dass die Konstellation mit einem bestimmten Programm nicht passen würde, dann lieber ein bisschen warten, als gehetzt zu sein. 

Der Spielfilm „Eine Frau schlägt sich durch“, der Leben und Karriere der amerikanischen Dirigentin niederländischer Herkunft, Antonia Brico, erzählt, zeigt im Abspann, dass noch nie eine Frau unter den 50 besten Dirigenten zu finden war. Was bedeutet Ihnen vor diesem Hintergrund der Ernst-von- Schuch-Preis 2019?

M.J.

Mich interessieren solche Rankings gar nicht. Musik und Kunst sollte man nicht messen, noch weniger Dirigenten. Vielleicht habe ich an zu vielen Wettbewerben als Kind teilgenommen. Dieser kompetitive Aspekt passt für mich gar nicht zur Musik. Ich möchte meine Arbeit so wie gut wie möglich machen. Den Leuten eine Freude geben, den Musiker*innen helfen ihr Bestes zu geben, mich mit Menschen austauschen usw… Nur was ich jetzt mache, zählt für mich – was war, sind nur Erinnerungen, und was wird, wird nie existieren.

Sie sind in Paris geboren. Verdient Düsseldorf zu Recht das Attribut Klein-Paris?

In welchem Düsseldorfer Stadtteil wohnen Sie?

M.J.

Ich wusste nicht, dass Düsseldorf mit Paris verglichen wird. Vielleicht kann man die KÖ und mit der Rue des Champs Elysées vergleichen und die vielen japanischen Restaurants? Aber ich werde Ihnen ein Geheimnis verraten: Ich wohne in Duisburg-Grossenbaum. 

In einem Porträt des MainfrankenTheater haben Sie  „Mama“ angegeben als Lieblingsheld/in in der Wirklichkeit. Wie oft sehen Sie Ihre Familie? Ist die Gründung einer eigenen Familie in Ihrem Beruf denkbar?

M.J.

Während Corona leider viel zu wenig! Die Familie ist sehr wichtig für mich, eigentlich alle Menschen, mit denen ich mich verbunden fühle. Kommunikation, Austausch, etwas zusammen machen usw… sind vielleicht das Wichtigste. Musizieren ist sehr schön und eine große Leidenschaft, aber das Leben in all seinen Facetten zu leben, ist noch schöner!

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