Was, wenn man statt Bachs Weihnachtsoratorium im Düsseldorfer Haus der Deutschen Oper am Rhein eine „musiktheatrale Fassung“ von Regisseurin Elisabeth Stöppler, Dramaturgin Anna Melcher, Chor-Chef Gerhard Michalski und Generalmusikdirektor Axel Kober mit Sprechtexten von Hannah Dübgen erlebt? Ist das Weihnachtsoratorium mitsamt Lukas-Evangelium in 24 Szenen verständlicher und nachvollziehbarer? Braucht es eine Erklärung der Weihnachtsgeschichte, eine Auf- und Unterbrechung von Bachs Komposition? 

Kann man machen, muss man aber nicht. 

Die kreativen Köpfe dieser Fassung haben sich bemüht. Aus Bachs vier Solisten sind 14 geworden und der Chor hat dadurch eine gewisse Arbeitserleichterung. Schon der berühmte Auftakt „Jauchzet, frohlocket“, Bachs dramatische Exposition, wird von einem Solistenensemble gesungen. Das saß vorher als Familie am Esstisch, der schnell freigeräumt werden musste, weil eine Hochschwangere fix dort ihr Baby gebärt. Der fulminante, weltberühmte Eingangschor ertönt dann mit originaler Stimmgewalt am Schluss des ersten Teils. Damit soll vielleicht auch der Handlungslogik Rechnung getragen werden: Die Familie kann ja noch nicht wissen, dass es sich um den „Erlöser“ handelt, sondern jauchzt einfach angesichts der Geburt eines Babys. 

Die Macher der Fassung lassen unter Federführung von Regisseurin Stöppler die Weihnachtsgeschichte in der Jetztzeit stattfinden. Mit allem, was dazugehört – vom Bauarbeiter über die Barfrau bis hin zur Alleinstehenden, dem Dandy, der Geschäftsfrau und – Maria und Joseph! Ja, die gibt’s auch. Und einen Engel, der aber, ganz trendy, als der „Andere“ bezeichnet wird und in Sachen Vermarktung des lieben Jesulein auch ziemlich schlitzohrig, wenn nicht teuflisch daherkommt. Eine Stadtgesellschaft soll inszeniert werden. Die ist – natürlich – divers. 

Mit würfelartigen Kasten auf verschiedenen Ebenen hat das Bühnenbildnerin Annika Haller realisiert und auch den Davidstern, ebenso wie die Würfel in Neon-Fassung, nicht vergessen. Die Drehbühne sorgt für einen Hauch von Filmeffekt. 

Die versuchte Strukturierung des Bühnengeschehens macht den Durchblick indes nicht leichter. Es wimmelt nur so von Akteuren, die vom Zuschauer zugeordnet werden müssen. Dem fantastischen Altus Terry Weyr (der Andere) kann das mit seinem schön timbrierten Countertenor nichts anhaben. Von Sopranhöhen bis in tenorale Tiefen führt er seine Stimme sicher und ausdrucksstark durch die tückischen Register. Anke Krabbe (Mutter), Susan McLean (Alleinstehende), Morenike Fadayomi (Geschäftsfrau), Johannes Preißinger als Dandy, der auch ein bisschen Evangelist sein darf, und die vielen anderen Solisten zeigen das Ensemble der Rheinoper auf recht gutem Niveau. Ebenso wie die Düsseldorfer Symphoniker, von denen einige ihre Soloqualitäten auf der Bühne zeigen dürfen – mitten unter der den Menschen der Stadt, dargestellt vom Chor.

Das Schlussbild zum Choral „Nun seid ihr wohl gerochen“ (gerochen neuhochdeutsch gerächt) lässt das Bühnenpersonal Demoschilder von Bekenntnissen wie „All we need ist Coffee“ bis hin zur Liebe, Weihnachten und auch Bach an die Rampe treten. Oder sind es Influencer, die ihre Messages ausgedruckt haben? Jedenfalls gibt’s starken Applaus für alle, auch fürs Regieteam. Dass Axel Kober mit mehr als furiosem Tempo dirigiert, so dass die souveränen Symphoniker manchmal kaum hinterher kamen, scheint nicht gestört zu haben. Auch, dass die gesprochenen Texte schwer bis gar nicht verständlich waren und weniger zur Sinnfälligkeit als vielmehr zur Langatmigkeit der Aufführung beitrugen, tat der Applausfreude keinen Abbruch. 

Nicht wenige Zuschauer fragten sich allerdings, was Bachs Weihnachtsoratorium durch solche Unterbrechungen, Zusätze und Umbauten gewinnt.  

Am besten selbst anschauen. Schließlich liegt die Schönheit immer im Auge des Betrachters. Zeit ist bis in den Januar. 

Gisela Rudolph

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