Studie zur Rushhour des Lebens untersucht Mehrfachbelastung bei 25- bis 39-jährigen Berufstätigen

In Nordrhein-Westfalen fehlen Patienten mit einem psychischen Leiden besonders lange am Arbeitsplatz. So dauert eine Depression oder eine vergleichbare Erkrankung in NRW durchschnittlich 37,3 Tage, während sie bundesweit im Schnitt 3,1 Tage kürzer ist. Abgesehen vom Saarland zieht sich eine psychische Erkrankung in keinem Bundesland länger hin. Insgesamt erhöhte sich der Krankenstand in NRW geringfügig von 3,8 auf 3,9 Prozent. Das heißt, pro Tag waren im vergangenen Jahr von 1.000 Arbeitnehmern 39 krankgeschrieben (Bund: 40). Grund war – neben der langen Dauer psychischer Erkrankungen – auch die Erkältungswelle im starken Winter 2013. Atemwegserkrankungen nahmen um 27 Prozent zu. Dies zeigt der aktuelle DAK-Gesundheitsreport für Nordrhein-Westfalen, für den das IGES Institut in Berlin die Arbeitsunfähigkeitsdaten von rund 454.000 erwerbstätigen DAK-Versicherten ausgewertet hat.

Jeder Beschäftigte in NRW fehlte 2013 im Schnitt an 14,4 Tagen bei der Arbeit. Die größte Rolle im Krankenstand spielten Probleme des Muskel-Skelett-Systems, zum Beispiel Rückenschmerzen. Sie machten ein Fünftel aller Fehltage aus. Es folgen Atemwegserkrankungen mit 16,7 und psychische Erkrankungen mit 16,4 Prozent. Infektionen, zum Beispiel grippale Infekte, waren für knapp fünf Prozent aller Fehltage verantwortlich. Auch hier gab es einen Anstieg um zwölf Prozent. Während solche Kurzzeit-Krankheiten aber für die Betriebe in der Regel zu bewältigen sind, stellen langandauernde Erkrankungen eher ein Problem dar. Verschärft wird das Problem auch dadurch, dass immer mehr Menschen von seelischen Leiden betroffen sind. Waren es vor 13 Jahren erst 27 von 1.000 Arbeitnehmern, so sind es heute 46 – ein Anstieg von 70 Prozent. „Wir unterstützen deshalb Unternehmen beim betrieblichen Gesundheitsmanagement und zeigen Wege auf, wie sie die Beanspruchung ihrer Mitarbeiter durch effektive Prävention besser ausgleichen können“, sagt Hans-Werner Veen, Landeschef der DAK-Gesundheit in NRW.

Die Branchen mit dem höchsten Krankenstand waren 2013 die Öffentliche Verwaltung und das Gesundheitswesen mit jeweils knapp fünf Prozent. Den niedrigsten Wert hatten Kultur- und Bildungseinrichtungen sowie Medienunternehmen mit drei Prozent.

Die DAK-Gesundheit untersucht in ihrem aktuellen Landesreport insbesondere die Situation der sogenannten Rushhour-Generation. Die Rushhour bezeichnet die Lebensphase zwischen 25 und 39 Jahren, in der sich vielfältige Anforderungen aus Beruf und Familie ballen. Die Krankenkasse hat dafür den Krankenstand ihrer Mitglieder analysiert und bundesweit mehr als 3.000 Männer und Frauen dieser Altersgruppe repräsentativ befragt. Fazit: Obwohl viele Männer und Frauen in der Rushhour des Lebens wegen Mehrfachbelastung unter Druck stehen, wirkt sich das kaum bei den Krankschreibungen aus. Sie fallen im Job seltener aus als jüngere Kollegen und sind kürzer krankgeschrieben als die Älteren. Im Vergleich zu den über 40-Jährigen haben sie 67 Prozent weniger Ausfalltage. Für die Studie wurden insbesondere junge Erwerbstätige mit Kindern befragt. Das erstaunliche Ergebnis: Nachwuchs führt nicht zwangsläufig zu einer größeren Stressbelastung. Erwerbstätige Eltern unterscheiden sich in ihrer Belastung durch chronischen Stress nicht von den Erwerbstätigen Kinderlosen.

„In jedem Fall sind die 25- bis 39-jährigen Arbeitnehmer besonders beansprucht“, so Veen. „Wenn sie bis zum 67. Lebensjahr produktiv bleiben sollen, müssen Arbeitgeber nachhaltiger in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter investieren. Der im Vergleich zu den anderen Altersgruppen niedrigere Krankenstand darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich in diesem Alter erste Ansätze für chronische Krankheiten bilden.“ So waren in dieser Altersgruppe 2013 mehr als 40 Prozent mit Muskel- und Skelettproblemen beim Arzt. Unter den 20 häufigsten Einzeldiagnosen bei Männern gab es neben den akuten Beschwerden auch bereits langfristige Beeinträchtigungen: Rund sieben Prozent der Männer ließen sich wegen Bluthochdruck behandeln, der häufig in Verbindung mit Stress und Bewegungsmangel steht. Und mehr als ein Viertel aller erwerbstätigen Männer und Frauen mussten wegen eines psychischen Leidens zum Arzt. Diese Krankheitsbilder kehren häufig später im Leben wieder und können den Gesundheitszustand langfristig erheblich beeinträchtigen.

Vor diesem Hintergrund ist es problematisch, dass erwerbstätige Eltern weniger auf ihre Gesundheit achten. Viele Eltern machen im Spagat zwischen Job und Kindern Abstriche bei sich selbst. Besonders regelmäßiger Sport bleibt auf der Strecke. Berufstätige Eltern in NRW schlafen auch weniger als ihre kinderlosen Kollegen. Und weit mehr als die Hälfte gibt an, nicht genug Zeit für sich selbst zu haben. Außerdem glaubt fast jede zweite Mutter, dass ohne Kinder die eigene Karriere schon weiter wäre. Bei den Vätern ist es nur jeder sechste.

Mit Ausnahme von Teilzeitarbeit haben Betriebe in NRW in Sachen Familienfreundlichkeit noch Nachholbedarf: Sehr oft gehen Angebot und Nachfrage deutlich auseinander. So sind laut Studie fast acht von zehn erwerbstätigen Eltern der Meinung, Gleitzeit würde ihren Alltag erleichtern, aber nur 48 Prozent können ein entsprechendes Angebot nutzen. Auch Betriebskindergärten oder -krippen sind beliebt, aber noch mehr wünschen sich Eltern Verständnis für ihre Situation. So hoffen 70 Prozent, dass Chefs und Kollegen bei der Planung von Terminen auf sie Rücksicht nehmen, aber nur ein Drittel erlebt so viel Umsicht im Arbeitsalltag. Bei den Themen Home Office, Telearbeit und einer Notfallkinderbetreuung bleibt die Arbeitswelt ebenfalls weit hinter den Wünschen der Eltern zurück – das macht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie so schwer.

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