Macht und Liebe – erprobte Zutaten für Tragödien, Komödien und natürlich der Oper. Wolfgang Amadeus Mozart hat sein Auftragswerk „La Clemenza di Tito“ (Die Milde des Titus) anlässlich der Krönung für Leopold II. von Böhmen als Opera seria (ernste Oper) deklariert. In sehr kurzer Zeit, in knapp 50 Tagen schätzt man, quasi parallel zur märchenhaften „Zauberflöte“ 1791 und dem unvollendeten Requiem, wurde „Tito“ komponiert. Wahrhaftig ein Geniestreich, den der 36-jährige Mozart kurz in den Monaten vor seinem Tod am 5. Dezember 1791 vollbrachte. 

Und ein menschliches Verwirrspiel. Da wuselt’s im „Tito“ nur so von Liebesturbulenzen, Machtgelüsten mit Intrigen und Verrat, die vor Mord nicht zurückschrecken. Auf die Bühne gebracht hat das Michael Schulz, Generalintendant des Musiktheaters im Revier, Gelsenkirchen. Im Graben bringt Marie Jacquot, erste Kapellmeisterin der Rheinoper, versiert die Düsseldorfer Symphoniker, Ensemble und Chor unter einen Hut.

Das Publikum muss sich optisch nicht auf verschiedene Spielebenen mit Kulissenwechsel einstellen. Regisseur Schulz reicht ein Loft-artiger Saal inklusive Galerie mit Industrie-Charme  (Bühne: Dirk Becker). Bespielt wird er von den handelnden Personen, deren Garderobe romantisch Anklänge des 19. Jahrhunderts bietet, aber auch Toga ähnliche Stolen verwendet. Und auch Modernes wie Parka kommt zum Einsatz. (Kostüme: Renée Listerdal)

Milde gestimmt zeigt sich Kaiser Tito (Jussi Myllys) bei Mozart und seinem Librettisten Caterino Mazzolà schon im ersten Akt, als er den Bau eines Tempels zu seinen Ehren ablehnt zugunsten von Spenden für die Opfer des Vesuvausbruchs. Die Intriganten und Gefährlichen sind in der Opera seria auch eher die umgebenden handelnden Personen: Da ist Vitellia (Sarah Ferede), die ehrgeizig als Kaiserin auf den Thron will. Dafür überredet sie ihren jungen Liebhaber Sesto ( Maria Kataeva), aber auch enger Freund des Kaisers, Tito zu ermorden. Der widerum hat ein Auge auf Servilia (Heidi Elisabeth Meier) als künftige Gattin und Kaiserin geworfen. Was Kummer und Gram beim Liebespaar Annio (Anna Harvey) und Servilia bewirkt. Doch der milde Tito ist Retter in der Not und gibt den beiden seinen Segen. Nun liegt der schwarze Peter bei Vitellia: Tito hat sie nämlich zur Frau und Kaiserin gewählt. Also pfeift sie schnellstens Sesto und die Attentatspläne zurück. Zu spät. Das Kapitol steht bereits in Flammen, der Kaiser ist tot, heißt es. Doch der Kaiser lebt! Jetzt geht’s Attentäter Sesto an den Kragen, Publio (Torben Jürgens) verhaftet ihn.

Vitellia zeigt nun Herz und Gewissen, sie gesteht ihre Machenschaften.

Und Titos Milde scheint grenzenlos: Er zerreißt Sestos Todesurteil und lässt Gnade auch gegenüber Vitellia walten. 

Doch zu früh gefreut: Regisseur Michael Schulz traut dem finalen Frieden Mozarts und seines Librettisten nicht. So werden alle Protagonisten kurzerhand mit Genickschuss erledigt und die Opera seria nimmt ein plötzliches Tragödien-Ende, das Titos Milde Lügen straft. 

Die Moral aus der Geschicht’? Traue niemals einem Diktator? Sind die Vasallen des Herrschers mächtiger als dieser selbst? Oder ist die Milde des Tito heutzutage einfach zu schön, um wahr zu sein? Was wohl Mozart zu diesem Ende gesagt hätte?

Fragen über Fragen, die das Publikum für sich vielleicht im höflichen Schlussapplaus mit einigen dezenten Buhs fürs Regieteam beantwortet hat. Klar ist die Antwort im musikalischen Bereich. Da werden die Solisten, allen voran Maria Kataeva für ihren fabelhaften Sesto als eigentlichen Helden der Oper, gefeiert, ebenso wie Chor und Orchester mit Dirigentin Jacquot.

Trotz des weiß Gott nicht werkgetreuen finalen Genickschuss-Schocks: Mozart ist nicht umzubringen.

Gisela Rudolph

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