In hohem Bogen schleudert Matthias Misch den Schlüsselbund von Fotograf Hojabr Riahi durch die Luft. Das Wurfobjekt landet irgendwo im dichten Gras des Übungsfeldes, das sich über einige hundert Quadratmeter erstreckt. Aufmerksam, die Ohren gespitzt, beäugt Schäferhündin Ginger ihr Herrchen. Dann das eher beiläufig gemurmelte Kommando: „Verloren!“ Der drahtige Vierbeiner wieselt los und durchstreift schnüffelnd die Wiesenfläche – in einem Zickzackkurs, der sich dem menschlichen Auge nicht unbedingt als methodisches Suchraster erschließt. Es dauert keine Minute, da liegt Ginger platt im Gras, die Vorderläufe in Parallelstellung ausgestreckt, die Augen auf den „Chef“ gerichtet.

„Gut gemacht, Mäuschen“, lobt der Diensthundeführer und tätschelt Ginger die Flanke. Der Schlüsselbund liegt genau zwischen den Pfoten seines Schützlings – Test mit Bravour bestanden. Der Kollege auf vier Beinen ist schnell und effizient. Polizeioberkommissar Matthias Misch: „Um auf einer solchen Fläche einen Gegenstand, beispielsweise eine Tatwaffe oder die Beute aus einem Raub, zu finden, müsste man eine halbe Hundertschaft einsetzen – und die würde nicht so schnell fündig wie Ginger.“

Suchaufgaben wie diese gehören zum Standardrepertoire der Supernasen aus der Diensthundestaffel der Düsseldorfer Polizei. Dem aufzuspürenden Gegenstand müssen lediglich menschliche Geruchsspuren anhaften – das reicht für die Schnüffler auf vier Pfoten.

Sprunglebendig: Ginger hat die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit noch nicht erreicht

Ginger gehört in der 20-köpfigen Hundestaffel zu den Spezialisten der Personenspürhunde. Vermisste Menschen, Täter auf der Flucht oder in unwegsamen Verstecken sind ihre Spezialität. Zwei weitere Expertenteams sind spezialisiert auf Rauschgifte und Sprengstoff. Der vielleicht „größte Fall“ von Spürnase Ginger bisher: Im Düsseldorfer Süden wurde ein Mann, der nach einem Suizidversuch eine akute Tablettenvergiftung hatte und in diesem Zustand seine Wohnung verließ, als vermisst gemeldet. Alle Anzeichen und Hinweise deuteten darauf hin, dass er ein ganz bestimmtes Ziel ansteuerte. Die Polizeibeamten suchten genau dort. Ginger dagegen hatte einen Turnschuh des Vermissten als „Navi“ und schlug unmissverständlich die entgegengesetzte Richtung ein. Matthias Misch: „Da habe ich ihr vertraut – wir haben den Mann hundert Meter entfernt aufgespürt und der Notarzt traf noch rechtzeitig ein und konnte ihm so das Leben retten.“

Gingers tierische Kollegen sind „Allzweckwaffen“ – etwa bei Wohnungsdurchsuchungen, Razzien oder Großkontrollen, wenn mutmaßlich Drogen im Spiel sind. Auch bei Bombendrohungen, der Suche nach Waffen oder nach Patronenhülsen an einem Tatort sind Ginger & Co. nicht zu toppen.

Der Übeltäter, den Ginger gestellt hat, tut gut daran, sich nicht mehr zu rühren, es bekäme ihm nicht gut

Mit viereinhalb Lebensjahren ist die Belgische Schäferhündin nur wenig jünger als ihr Diensthundeführer – wenn man, wie allgemein üblich, Hundejahre siebenfach rechnet. Die beiden sind ein vertrautes Gespann. Kein Wunder, Matthias Misch (36) hat Ginger ausgebildet und Herrchen und Hund sind praktisch rund um die Uhr zusammen. Feierabend heißt für sie, der Polizeioberkommissar packt die Diensthündin in seinen Wagen und fährt mit ihr nach Hause. Die Vierbeiner aus der Polizeihundestaffel sind in der Regel auch Hausgenossen, Familienmitglieder, die mit ihren menschlichen Vorgesetzten die Freizeit teilen und sogar mit ihnen in den Urlaub fahren. Und im Dienst? Sie fahren gemeinsam Streife, sind bei Einsätzen zusammen und trainieren gemeinsam. Matthias Misch weiß: „Der persönliche Bezug zum Tier und das vertrauensvolle Miteinander sind wesentliche Grundlage unserer Arbeit.“ Diese Nähe, ja Zuneigung, erleichtert das Zusammenleben und natürlich auch den gemeinsamen Dienst. Vertrauensbildung ist wesentlicher Bestandteil des ersten Ausbildungsabschnitts für Diensthund und Diensthundeführer.

Matthias Misch, der seinen Polizeidienst als Streifenbeamter begann, hatte sich früh die Arbeit in der Diensthundestaffel zum Ziel gesetzt. Ein mehrmonatiger Fachlehrgang, ein kynologisches Aufbauseminar (Kynologie laut Duden: Lehre von der Zucht, Dressur und den Krankheiten der
Hunde) und zusätzliche Fortbildungen haben ihn auf diese sehr spezielle Polizeilaufbahn vorbereitet. Seit gut zehn Jahren ist er nun als Diensthundeführer tätig. Augenscheinlich macht ihm die Arbeit ebenso viel Freude wie seiner vierbeinigen Kollegin.

Gingers Ausbildung begann wie bei allen Spürhunden auf spielerische Art und Weise. Matthias Misch: „Wir nutzen den Spieltrieb der Hunde, um sie zum Beispiel mit ersten Beutespielen an die späteren Aufgaben heranzuführen.“ Lob, Anerkennung und Belohnung sind fester Bestandteil der Ausbildung und später auch der gemeinsamen Arbeit. Doch Ginger bekommt auch Handfestes: vorzugsweise Schweineohren. „Da hat Mäuschen was zu knabbern“, grinst Misch. Beliebteste Abwechslung zum obligaten Trockenfutter ist für Ginger allerdings ein saftiger Happen Thunfisch.

Im Laufe des Trainings wird aus dem simplen Stöckchenwerfen-Stöckchenfinden-Stöckchenbringen das Aufnehmen von Witterung und gezieltes Aufspüren. Danach wird’s ernster: Gehorsam steht im zweiten Ausbildungsabschnitt auf dem Lehrplan. Bei Fuß, am Bein laufen, auf Kommando Hindernisse überwinden. Leicht zu erkennen, dass Ginger das ganze Programm drauf hat.

Herrchen muss gar nicht laut werden, die Schäferhündin reagiert auf kleine Gesten und leise Weisungen.

In der dritten Stufe dann die Paradedisziplin, die Schutzhundeausbildung, denn die vierbeinigen Polizisten müssen nicht nur suchen und finden, sondern ihren „Fall“ auch abschließen können. Beispielsweise einen versteckten Täter aufspüren und ihn dann auch „festnehmen“. Wird der erschnupperte Übeltäter von Ginger verbellt, tut er gut daran, auf den Hundeführer zu warten.

Sollte er sich zum Angriff auf die Hündin entschließen oder die Flucht ergreifen, bekäme er es mit Gingers natürlichen Waffen zu tun, den spitzen Zähnen und dem kräftigen Kiefer. Rücksichtnahme ist hier keine Option: Ginger fasst zu.

Matthias Misch weiß, dass sein „Mäuschen“ Respekt einflößt. Die bösen Jungs scheuen die scharfen Zähne. Die Diensthunde der Staffel sind folgerichtig auch im Einsatz, wenn größere Gruppen gewaltbereit und aggressiv reagieren. Auch ein Hooligan bei „Problemspielen“ in der ersten oder zweiten Bundesliga überlegt es sich zweimal, ob er sich mit dem zähnefletschenden Begleiter der Diensthundeführer anlegt. Und manche Keilerei im Dunstkreis der Bolker Straße wird schon im Keime erstickt, sobald Teams aus der Diensthundestaffel ihren Streifenkollegen zur Seite stehen.

Düsseldorfs Polizisten auf vier Beinen – es gibt derzeit 21 von ihnen. Die meisten Hundeführer sind Männer, doch vier Hunde werden von „zarter“
weiblicher Hand geführt.

Die Düsseldorfer Polizei bevorzugt für ihre Arbeit den Belgischen Schäferhund und den Holländischen Hütehund. Zwei Hunde sind derzeit in der Ausbildung, die bis zu zwei Jahre andauert. Abgeschlossen wird sie mit einer Teamprüfung, in der sich Mensch und Tier gemeinsam bewähren müssen. Anders als bei den Vierbeinern steht bei den Beamten dabei noch reichlich Theorie im Lehr- und Prüfungsplan.

„Mit der Dienstzeit“, weiß Matthias Misch, „werden die Hunde von Jahr zu Jahr besser.“ Ginger hat also die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit noch längst nicht erreicht. „Mit acht oder neun Lebensjahren setzt dann allerdings der körperliche Abbau ein; irgendwann endet dann die Dienstzeit.“ Und was passiert danach? Polizeihunde haben Pensionsanspruch, in der Regel verbringen sie den „Ruhestand“ bei ihrem letzten Diensthundeführer, gemeinsam mit einem nachfolgenden aktiven „Kollegen Spürnase“. Für Ginger bedeutet das: Gute Aussichten, irgendwann gibt‘s Schweineohren und Thunfisch auch mal ohne dienstliche Top-Leistungen …  Bernd Holzrichter

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