Bei René Heinersdorff wird auf der Bühne geliebt, zumindest in seinen Erfolgsstücken „Alles Liebe“ und „Sei lieb zu meiner Frau“. Und natürlich geht auch bei ihm die Liebe durch den Magen. Ja, und einmal, da gab es die Liebe sogar in der Küche, und deswegen hat er heute eine bestimmte Vorspeise für uns ausgesucht.

Aber der Reihe nach.

Rene-heinersdorff-4Wir sind zum Küchengespräch bei dem beliebten Theaterdirektor, bekannten Schauspieler und erfolgreichen Bühnenautor. Die Küche als zentraler Raum jeder Wohnung, der jeden anderen ersetzen kann und der selbst unersetzlich ist. Wo sich bei Partys alle Gäste treffen oder man auch mal einsame Nächte mit einem Glas Wein oder der Steuererklärung verbringt. Wo jeder Tag beginnt und so manche Beziehung endet.

Diesen wichtigsten Raum im Leben jedes Menschen hat Heinersdorff sich für heute ausleihen müssen, im Haus seiner Mutter. Er ist vorübergehend wohnungslos, dafür steht ihm jetzt eine Profiküche zur Verfügung. Schwerer polierter Stahl, Restaurant-Qualität von einem Gastro-Einrichter, Gasherd.

Haben eigentlich die Schauspiel- und die Kochkunst etwas gemeinsam?  „Oh ja“, sagt Heinersdorff, „beides ist eine Inszenierung. Das beginnt bei der Zusammenstellung, der Komposition, und geht bis zur Auswahl von Geschirr, Besteck und der Tischdekoration. Außerdem muss man seinen Text beziehungsweise das Rezept auswendig können – und man verkleidet sich.“ Heinersdorff hat sich heute als Koch verkleidet. Eine weiße, kurze, zweireihige Kochjacke. „14 Euro am Hauptbahnhof“, sagt er mit Stolz. Es liegt alles bereit, für die armenische Vorspeise, den lettischen Hauptgang und das italienische Dessert.

Rene HeinersdorffDie Vorspeise ist eine Erinnerung an eine verflossene Liebe. Sie hieß Narina und war Armenierin. Er lernte sie in einer Bar kennen, als gerade ein Chanson von Charles Aznavour lief, dem wohl bekanntesten Armenier. Dass alle Zutaten rot sind, ist deswegen vielleicht kein Zufall. Bohnen, ein roter Apfel und rote Bete. „Das ist nicht so leicht wie Salat, aber genauso frisch und sättigt sogar ein wenig“, sagt er. „Vor allem ist es schnell zubereitet.“ Angemacht mit Essig, Öl und weißem Pfeffer. Schmeckt unerwartet gut, diese ungewöhnliche Zusammenstellung. Ach ja, die Küche als Schlafzimmer. „Narina hat mal Kuchen gebacken. Eine zierliche Rotblonde. Sie knetete den Teig, das war richtig Arbeit. Auf der Nase hatte sie einen süßen weißen Mehlfleck. Da musste ich sie küssen.“ Eins kam zum anderen, und plötzlich war nicht nur der Backofen heiß. „Es war das einzige Mal, dass ich Sex in der Küche hatte.“

Hat er schon mal eine Frau nicht nur in der Küche vernascht, sondern auch ins Bett gekocht? „Absolut“, sagt er und erklärt auch gleich, warum das funktioniert: „Ein Mann, der für eine Frau kocht, zeigt Engagement, Wertschätzung und Zuneigung. Und das kann nie schaden – egal, was man von ihr will.“

Das Hauptgericht ist eine Art Danksagung ans Baltikum. In Lettland lief sein Stück „Alles Liebe“ fünf Spielzeiten hintereinander im Nationaltheater von Riga, in der nächsten Saison wird es von „Sei lieb zu meiner Frau“ abgelöst. Zahlreiche ausverkaufte Vorstellungen. „Da fahre ich immer wieder hin, die haben noch Leute, die wissen, wie man ein Theater füllt.“ Diesen Seitenhieb auf das deutsche Subventionstheater kann er sich nicht verkneifen. Heinersdorff ist auch stolz darauf, Direktor eines Privattheaters zu sein und nicht Intendant wie an staatlichen Häusern.

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In bester Tradition von Clemens Wilmenrod, dem ersten TV-Koch und Erfinder des Toast Hawaii, gibt er zu: „Ich hab’ da schon mal was vorbereitet.“ Er meint die Pellkartoffeln für das Kartoffel-Lauch-Bett, auf dem er Stücke vom Kabeljau in Milch dünsten wird. „Fisch esse ich überhaupt am liebsten, in jeder Form. Auch gern Fisch, der richtig nach Fisch schmeckt wie Hering oder Aal.“

Seine persönliche Konsequenz aus Gammel- oder Pferdefleischskandal? „Nicht unbedingt, ich mag ihn einfach. Doch Betrug wie mit falsch deklarierten Bio-Eiern oder die Massenhühnerhaltung finde ich einfach kriminell, aber man kann ja deswegen nicht aufhören zu essen. Am besten ist, wenn man sich vielfältig ernährt, verschiedene Gemüse und nur ab und zu mal Fleisch, das brauchen wir, denn der Mensch ist ja ein Raubtier.“ Den Gedanken, Vegetarier zu werden, hat er deswegen auch verworfen. Doch nicht jeder Fisch macht glücklich. Beim Probieren seines Kabeljaus seufzte er: „Da schmeckt man, dass Lettland lange zur Sowjetunion gehört hat. Die russische Küche kennt auch keine Gewürze.“ Kurzum: Es ist fade. Da haben auch die in die Milch eingerührten Chilifäden nichts genutzt. Dieses Gericht wird bei René Heinersdorff keine fünf Spielzeiten erleben. Man könnte ihm allerdings noch eine Chancegeben, vielleicht Kokosmilch und viel Schärfe, die Fisch ja verträgt, wie die asiatische Küche beweist.

Hat er eine Lieblingsküche, vielleicht Thai oder französisch? „Oh ja, die belgische. Sie hat die Qualität der französischen und die Quantität der holländischen.“

Dann ist er eher ein Gourmand als ein Gourmet? „Eindeutig ja. Ich esse gern viel und gern deftig und einmal im Monat auch Fast Food, Döner, Falafel oder Hamburger. Und einen Weihnachtsmarkt ohne Bratwurst kann man eigentlich gleich vergessen.“ Er kauft auch nicht im Delikatessenladen „Prezzo Grande“ ein oder auf dem besten Markt des Rheinlands, auf dem Carlsplatz, sondern beim nächsten Discounter, und die Eier holt er am Büdchen, wohin er auch brav die Kartons zurückträgt, weil er ja kein Umweltfrevler ist.

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Apropos Weihnachten: Bevorzugt er bestimmte Gerichte zu Festen oder Geburtstagen? „Nein, das fände ich langweilig, ich mag die Abwechslung. Ich habe nur ein feststehendes Ritual: Bevor ich zu kochen anfange, gibt es ein Glas Rotwein.“ Und er benutzt immer sein Kochbesteck, das er seit seinem 18. Geburtstag besitzt: Gabel und Löffel mit weißen Griffen.

Mit dem Wein sind wir auch beim Dessert. Es ist ein Experiment: eine Zabaione, die er ohne Zucker zubereiten will. Die Süße soll vom Wein kommen – hat er geplant. Es ist ein Riesling von der Mosel, der nicht nur bio, sondern völlig naturrein gekeltert wurde, ohne jeden Zusatz, und deswegen noch die Traubensüße enthält. Er stammt vom Weingut des Vaters der Schauspielerin Yvonne Burbach, der Winzer ist. Er schmeckt klar und fruchtig und etwas ungewohnt für die an durchgegorene Weißweine gewöhnten modernen Gaumen. Er ist nicht so süß wie ein Dessertwein – und die Zabaione nicht so süß, wie sie sein sollte. Auch der Hauch von Säure fehlt ihr. Also wird wie am Theater improvisiert und nachgezuckert.

Den Souffleur gibt bei Heinersdorffs Kücheninszenierung übrigens sein Lieblingskochbuch: „100 Recipes To Try Before You Die“, der perfekte Helfer für jeden ambitionierten Hobbykoch und Frauenliebhaber.

Heinersdorff ist zum Zeitpunkt des Interviews (April 2013) gerade auf Tournee mit seinem Stück „Sei lieb zu meiner Frau“, in dem Hugo Egon Balder und Dorkas Kiefer mitwirken. Mit Balder hat er folgende Abmachung getroffen: Es wird nur noch vor der Vorstellung warm gegessen, nicht mehr danach. „Schauspieler treten nicht gern mit vollem Magen auf.“ Bei ihm hat es gewirkt, Heinersdorff hat drei bis vier Kilo abgenommen.

Und Balder? „Der isst jetzt vor UND nach der Vorstellung …“

Das Interview führte Rudolf Hajduk. Fotos: Hojabr Riahi.

Küchengespräch | Ausgabe 2-2014

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