Der Schleifschwamm kratzt über den alten Stuhlrahmen. Julia Turrek hält inne und lässt einen Finger über den Rahmen gleiten. „Die ausgefransten Löcher habe ich mit Kitt ausgebessert“, sagt sie, „da musste noch mal der Schwamm drüber.“ Jetzt ist es glatt genug. Sie greift zum Akkuschrauber. „Durch den Kitt sind einige Löcher verengt“, ruft sie über das Heulen des Schraubers hinweg, „da bohre ich nach, damit das neue Geflecht durchpasst.“

Fahles Tageslicht dringt durch die Fenster und mischt sich mit dem Licht der Leuchtstoffröhren. Staub füllt die Ritzen der ausgeblichenen Dielen, Rattanreste ragen aus Mülleimern, Weidenkörbe türmen sich in einer Ecke. Zangen, Messer und Leimflaschen bedecken den Tisch. In einer Lochleiste hängen Pfrieme, die Stichwerkzeuge der Korbmacher. Über all dem schwebt ein schwacher Holzgeruch. Julia Turrek schaut auf und schiebt sich eine Strähne hinters Ohr. „So sieht eine Werkstatt aus“, sagt sie,„alles da, wo es sein soll.“ Zu ihren Füßen steht ein Eimer Wasser, daneben kringelt sich ein Bündel Stuhlflechtrohr. Stuhlflechtrohr ist uns vertraut: Kunstvoll verflochten, spannt es sich über Stuhlsitze, Rückenlehnen oder Raumteiler. Es stammt von der Rattanpalme, die vor allem in Südostasiens Wäldern geerntet wird. Julia Turrek zieht eine Schiene des Stuhlflechtrohrs durch das Wasser. „Beim Trocknen strafft sie sich“, erklärt sie, „darum muss ich sie nicht unter starkem Zug verarbeiten.“ Sie fädelt die 2,5 Millimeter breite Schiene durch ein Loch im Stuhlrahmen, befestigt sie mit einem Pflock und führt sie zum nächsten Loch – der Anfang der neuen Sitzfläche ist gemacht.

Mit ruhigem Blick folgt Julia Turrek den eigenen Handgriffen. Sie arbeitet so schnell, dass das ungeübte Auge kaum folgen kann. Dabei hilft ihr ein Werkzeug, das einem klingenlosen Skalpell ähnelt. Mit einer Aussparung an dessen Spitze drückt sie eine Schiene durch die ersten Lagen des Geflechts, mit einem Haken zieht sie die Schiene durch die benachbarte Lücke nach oben.

Das Drücken und Ziehen ist ein einziges Auf und Ab, als fräße sich das unbekannte Werkzeug von Sitzrand zu Sitzrand, unablässig begleitet von den
Schleifgeräuschen der Rattanschienen. „Wir nennen es den Schränker“, sagt Julia Turrek und deutet auf das Werkzeug, „er verschränkt die Lagen.“ Es gehe auch mit Nadeln oder Fingern. „Aber das hat meinem Großvater zu lange gedauert“, sagt sie, „da hat er den Schränker erfunden.“

Eine der vielen Weidenarten, die Ruten nach Länge und Stärke sortiert

Das Exemplar in ihrer Hand, ausgesägt aus dünnem Eisen, stammt vom Großvater, der die Werkstatt vor knapp 80 Jahren gegründet hat. Er verstarb früh. Die Großmutter übernahm die Werkstatt mit einem Witwenprivileg. Die beiden Töchter bestanden die Prüfungen zu Korbmachermeisterinnen; eine Tochter, Angelika, übernahm den Betrieb im Jahr 1992. „Ich habe früh gefragt: Mama, muss ich wirklich weiter zur Schule gehen?“, erzählt Julia Turrek lächelnd, „ich weiß doch schon, was ich werden will.“ Die Schule beendete sie dennoch, ging in einer Flechtwerkstatt in der Eifel in die Lehre und kehrte 1999 zurück nach Düsseldorf-Gerresheim in das Haus Am Pesch 25. Hier führt sie seitdem den Familienbetrieb gemeinsam mit ihrer Mutter Angelika.

An die Werkstatt angeschlossen ist das Ladenlokal. Hier bietet Familie Turrek Weidenkörbe an, geflochtene Taschen und Dekoartikel. Im Mittelpunkt aber steht die Werkstatt. „Unsere Kundschaft ist bunt gemischt“, sagt Julia Turrek, während sie das Ende einer Rattanschiene unter der Sitzfläche verknotet. Kürzlich hat sie in einem teuren Düsseldorfer Viertel Stühle zur Reparatur abgeholt. „Da traut man sich kaum zu fragen, wie hoch die Mieten sind“, lacht sie. Eine ältere Dame hingegen freute sich, dass die Reparatur ihrer Stühle drei Monate dauern würde. „So konnte sie das nötige Geld beiseitelegen.“

Eine einfache Reparatur mit einem maschinell vorgefertigten Geflecht kostet rund 60 Euro, größere Arbeiten können das Zehnfache kosten. Auch so mancher Fund vom Sperrmüll findet den Weg in die Werkstatt. „Manchmal staunen die Leute, dass die Reparatur nicht ganz billig ist“, sagt Julia
Turrek, „aber dann fassen sie sich ein Herz: Das antike Stück passt einfach zu gut in ihre Wohnung.“

Günstiger als die Reparatur von Stühlen ist die von Weidenkörben, sie kostet rund die Hälfte.

Schließlich ist der neue Sitz so gut wie fertig. „Später ziehe ich einen Zierfaden ein“, sagt Julia Turrek, „er verdeckt die Löcher im Holzrahmen.“ Möglich ist auch ein Anstrich aus Schellack und Spiritus. „Er verschließt das Geflecht, lässt es aber atmen“, erklärt sie, „und er dunkelt nach. So sieht es gleich rustikal aus.“

Penible Kleinarbeit: Einen Stuhl zu reparieren ist extrem zeitaufwendig und deshalb nicht ganz billig

Bei einem zweiten Besuch sitzt Julia Turrek auf einer Bank, auf der ein Drehtisch angebracht ist; darauf ruht ein Wäschekorb, mit dem Boden nach oben. „Mein Mann hat schon geschimpft“, schmunzelt sie, „wann reparierst Du endlich den Korb?“ Denn es ist ein besonderes Stück: geflochten vom Großvater vor gut 45 Jahren. „Solche Weidenkörbe wurden auf den Steinböden der Waschküchen hin- und hergerückt“, sagt sie, „die Körbe hätten das nicht vertragen.“ Darum bekamen sie einen kranzförmigen Fuß. „So wurde nur der abgenutzte Fuß ersetzt, und der Korb war wie neu.“ Auch dieser Korb braucht einen neuen Fuß, den alten hat Julia Turrek schon entfernt. Ein Bündel Weidenruten liegt bereit. Julia Turrek steckt Rute nach Rute durch die Lücken, die der alte Fuß hinterlassen hat, bis einige Dutzend hoch aufragen und wie ein Zaun den Korb umschließen. „Das wird unser neuer Fuß“, sagt sie, biegt drei Ruten herunter und führt sie im Zickzack an den benachbarten vorbei. Die stehenden Ruten klappern gegeneinander, als Julia Turrek den Tisch mitsamt Korb ein wenig dreht, um die drei Ruten weiter zu verflechten.

Gelegentlich schlägt sie mit einem schweren Eisen auf das Geflecht, denn vor dem Flechten werden Weiden im Wasserbad eingeweicht. So sind sie besonders biegsam, gewinnen aber vorübergehend an Fülle. „Das Schlagen beugt Lücken im trockenen Geflecht vor, es verengt den Verbund“, sagt Julia Turrek, als sie das Eisen beiseitelegt, „darum heißt Weidenarbeit auch geschlagene Arbeit.“ Beim Rattan beobachtet Julia Turrek eine Minderung der Qualität. „Es ist empfindlicher geworden, hat mehr Schwachstellen.“ Sie bezieht Rattan aus Indonesien. „Das sind wohl Umwelteinflüsse. Wer weiß, welche Schadstoffe dort mittlerweile den Boden belasten?“ So halte ein Rattanstuhl nicht mehr bis zu 50 Jahre, sondern eher 15. Allerdings liege das nicht allein an der Pflanze, räumt sie ein. „Trockene Heizungsluft ist heute bei uns die Regel. Rattan mag es aber feucht.“ Bei der Weide verhalte es sich wie beim Ackerbau: „Auf ein schlechtes Jahr folgt auch wieder ein besonders gutes.“

Sie legt einen Fingernagel an eine Rute. „Hier zeichnen sich feine Ringe ab. Die Weide hat Hagelschlag abbekommen“, erklärt sie, „kein Drama. Aber sie könnte aufplatzen.“ Solche Unwägbarkeiten machen Rattan und Weide aus. Dennoch gibt Julia Turrek den natürlichen Flechtmaterialien ohne Zögern den Vorzug vor Geflechten aus Kunststoff. „Auf einer Messe schwärmte jemand, Plastik sei so gleichmäßig und darum toll zu verarbeiten“, sagt sie und winkt ab: „Tatsächlich bekommt man davon Brandblasen, so stark heizt es sich durch die Reibung auf.“ Auch seien Gartenmöbel aus künstlichem Rattan nicht so beständig wie oft versprochen. „Die reparieren wir auch und sehen jedes Mal, was UV-Strahlung und Witterung angerichtet haben.“ Zugegeben, sagt sie, die Kunststoffe seien besser geworden und ähnelten mehr den natürlichen Materialien. „Aber das ist schon witzig“, lacht sie auf, „dann können wir doch gleich bei Rattan und Weide bleiben.“ Zumal ungewiss sei, welche Schadstoffe die Kunststoffe bergen. „Kleidung wird noch auf Gifte getestet“, sagt sie, „billige Plastikstühle aus dem Baumarkt aber sicher nicht.“

Bestätigt fühle sie sich nicht zuletzt durch ihre Kunden. „Die nehmen die Plastikmöbel in Empfang, die wir mit Rattan repariert haben“, sagt sie, „und dann freuen sie sich: Oh, das fühlt sich ja viel besser an.“ Zwei Finger breit erhebt sich der Korbfuß, als die letzten Ruten verflochten sind. Die überstehenden Enden knipst Julia Turrek grob mit einer Gartenschere ab, die verbliebenen Stummel kürzt sie sorgfältig mit einem Messer.

„Das war es“, sagt sie, „mal sehen, wie lang es dauert, bis der Fuß so betagt aussieht wie der Rest des Korbes.“

Um Julia Turreks Mittelfinger windet sich ein Pflaster. „Ach ja“, sagt sie, „ein kleiner Küchenunfall.“ Beim Flechten passiere ihr so etwas nicht. „Da gehe ich mit dem Messer anders um, ich habe es ja gelernt.“ Leicht schneide man sich allerdings an den feinen Spänen mancher Rattanschienen.

Sie zeigt ihre gespreizten Finger: Die sind mit Macken übersät. „Aber eigentlich ist Flechten nicht so gefährlich“, lacht sie. Im Gegenteil. „Die meisten Korbmacher begleitet es ein Leben lang, weil es beherrschbar bleibt.“

Ihre Großmutter hat es so gemacht. „Sie saß am Küchentisch und flocht Stühle“, sagt Julia Turrek und ein Strahlen geht über ihr Gesicht, „solange es eben ging.“

Korbwaren gibt es seit Menschengedenken. Die ältesten Funde reichen bis ins 10. Jahrtausend v. Chr. zurück. Die alten Ägypter flochten beispielsweise mit Rattan, Papyrus und Binsen, die Römer mit Weiden. Um das Jahr 1700 herum gelangten Stuhlgeflechte aus Rattan erstmals nach Europa.

Die lianenartigen Ausläufer der Rattanpalme erreichen Längen von über 100 Metern. Nach rund fünf Jahren werden sie aus dem Dickicht der Bäume gezerrt, an denen sie sich emporwinden.

Die stachelige Schale wird entfernt, die verbleibenden Rattanstangen in Ölsud gekocht und anschließend getrocknet. Erhitzt, lassen sich die Stangen beliebig formen, z.B. für Möbelgestelle.

Mittels Messerdüsen wird aus den Stangen außerdem das Flechtmaterial geschnitten: das feinporige Mark zu Fäden oder Schienen unterschiedlicher Stärke, genannt Peddigrohr; die besonders robuste Schale zu flachen Schienen, genannt Stuhlflechtrohr.

Peddigrohr kann gebeizt und lackiert werden, das glänzende Stuhlflechtrohr dagegen lässt sich nur schlecht färben.

Schwarze Weide, Purpurweide, Silberweide, Hanfweide, Mandelweide – viele Weiden werden für die Flechtkunst kultiviert, ihre Ruten nach Länge und Stärke sortiert.

Ungeschälte Weiden sind sehr wetterfest und eignen sich zum Beispiel für Zäune. Geschälte Weiden gibt es in zwei Varianten: als weiße Weiden in natürlicher Farbe und als braune Weiden, die vor der Schälung gekocht wurden und die färbenden Gerbstoffe der Rinde aufgenommen haben. Ungeschälte Weiden werden vor dem Flechten bis zu zwei Wochen in Wasser eingeweicht, geschälte Weiden bis zu einem Tag; letztere lassen sich auch gut färben.

Korbwaren aus Rattan und Weide können ohne weiteres abgeduscht werden. Hartnäckigen Schmutz löst Seifenlauge, aufgebracht mit einer weichen Bürste.

Anschließend ist der Korb gut zu trocknen, um Stockflecken vorzubeugen. Ältere Körbe aus weißer Weide erscheinen so gut wie neu, wenn sie mit einer leichten Zitronensäure abgewaschen werden; mit klarem Wasser nachwaschen, damit das Geflecht nicht verklebt. Ungeschälte Weiden vertragen keine Zitronensäure.

Dino Kosjak

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