„Gleich fliegen sie“, sagt Jens Nießing, „das kann jetzt jeden Moment passieren, so bei elf, zwölf Grad kommen sie raus.“ Der Vorsitzende des Imkervereins mit dem klangvollen Namen „Apidea Mellifica“ (abgewandelt von der lateinischen Bezeichnung „Apis Mellifera“ für Honigbiene) soll recht behalten. Die App auf dem iPhone zeigt elf Grad Temperatur, als die Bienen durch den schmalen Schlitz ihrer Bienenstöcke – die Imker nennen sie „Beute“ – in den sonnigen Tag starten. Erst einige Vorwitzige, dann Dutzende, Hunderte, bis es um uns herum summt und brummt.

Klaudia Zepuntke mit dem Vereinsvorsitzenden Jens Nießing (rechts) und Vorstandskollegen Chris van der Graaf

Es ist 10:30 Uhr und wir sind zu Gast in der Kleingartenanlage „Sonniger Süden“ am Südfriedhof, ein Name, der zum Tag nicht besser passen könnte: Die Aprilsonne strahlt vom wolkenlosen Himmel, die Saalweide am Vereinsheim und die ersten Obstbäume blühen.

„Bis jetzt haben die Bienen gekuschelt“, sagt Klaudia Zepuntke, „die müssen dafür sorgen, dass sie für die Brut eine Temperatur von rund 30 Grad Celsius in der Beute halten.“ Die Bienen legen sich auf die Brut, „knubbeln“ sich regelrecht, um die Wohlfühltemperatur zu halten.

Bei elf Grad trauen sich die ersten Bienen aus der Beute, wie man den Bienenstock nennt.

Unsere Bürgermeisterin (SPD) macht sich nicht nur aus ökologischen Gründen stark für die Bienen und den Honig aus der Stadt, sie ist selbst begeisterte Hobbyimkerin. „Seit 2013 mache ich das“, erzählt sie, „mein Großvater hat schon am Niederrhein Bienenvölker gehabt, danach mein Onkel. Als der starb, gab es in der Familie keinen guten Honig mehr.“

Seit die Bürgermeisterin ihre eigenen zwei Bienenvölker hält, stimmt’s auch wieder mit der Honigversorgung. Ein fleißiges Bienenvolk allein brachte ihr letztes Jahr die Rekordernte von 36 Kilogramm. „Haben wir alles selbst gegessen“, lacht Klaudia Zepuntke, „bleibt in der Familie.“ Wie schade, werden Kenner sagen. „Honig aus Düsseldorf ist begehrt“, sagt Jens Nießing, in dessen Verein 120 Hobbyimker Mitglied sind, „unser Honig ist vielfältig, er ist rein und er hat natürlich, für alle Düsseldorfer, auch die Fähigkeit, bei Pollenempfindlichkeit zu desensibilisieren.“

Wer täglich einen guten Löffel Honig genießt, trägt dazu bei, eine Pollenallergie kräftig in die Schranken zu weisen. Es müsse allerdings lokaler Honig sein, da die Allergie auch auf lokalen Reizen beruhe.

Einblick in die Bienenwelt – Propolis heißt das Kittharz, mit dem die Bienen ihre Behausungen abdichten – es besteht aus Balsamen, Harzen und für die Medizin wertvollen Stoffen von Pflanzenknospen

Honig aus Düsseldorf, da staunt man zunächst einmal. Doch das Angebot ist tatsächlich recht hoch. „Wir haben in Düsseldorf circa 1.200 Bienenvölker, die jeweils mindestens 20 Kilogramm Ertrag bringen“, sagt Nießing. Sein Verein, in dem auch Klaudia Zepuntke aktiv ist, hält allein mehr als 500 Bienenvölker – zum Südfriedhof zusätzlich auch am Nordpark, am Nordfriedhof und am Friedhof in Eller.

Sogar auf dem Dach des Museum Kunstpalast haben es sich Bienen eingerichtet, der Honig – pro Jahr etwa 240 Gläser à 250 Gramm – ist im Museumsshop erhältlich.

Seit 2005 unterhält, wer hätte das gedacht, auch der Düsseldorf Airport vier Bienenvölker, allerdings nicht als süße Belohnung für fleißige Stewardessen, sondern zur zusätzlichen Überwachung der Luftqualität rund um den Flughafen. Der gewonnene Honig wird im Auftrag des Airports regelmäßig in Fachlaboren auf mögliche Schadstoffbelastungen untersucht. Ergebnis: Schmackhaft und sauber.

Faszination Honig – für Klaudia Zepuntke ist der selbst geschleuderte Honig eine Delikatesse, die je nach Saison unterschiedliche Geschmackserlebnisse vermittelt: „Die letzte Frühjahrstracht war goldgelb und fest, weich, schmeichelnd vom Geschmack, die Sommertracht dagegen dunkel, fast bernsteinfarben und würziger, der Honig hat viele Facetten.“

Klaudia Zepunkte hält zwei Bienenvölker im Kleingartenverein „Zaunkönig“ in Gerresheim. Durch den engen Kontakt zur Natur erholt sie sich von den zahlreichen Terminen als Bürgermeisterin. „Man gewinnt ein anderes Verhältnis zur Natur“, sagt sie, „es ist faszinierend, wie strukturiert und diszipliniert es bei den Bienen zugeht, wie die Natur das alles eingerichtet hat.“ Außerdem genießt sie die freundliche Atmosphäre im Verein.

„Bienenweide“, das Saatgut für bienenfreundliche Blumen, verschenken Düsseldorfer Unternehmen an ihre Kunden

Zu den Besonderheiten bei den Bienen gehört auch, dass scheinbar programmiert ist, dass die Bienenkönigin im Mai mit der Hälfte des Volkes ausschwärmt. Kundschafterbienen machen sich auf die Suche nach einer neuen Behausung und in einer Art „demokratischer Abstimmung“ entscheidet sich das Volk für eine der möglichen neuen „Wohnungen“, bevor sich der Schwarm gemeinsam auf den Weg macht. Das Schwärmen versucht der Imker zu unterbinden, was jedoch nicht immer gelingt. Der vagabundierende Schwarm ist vogelfrei und darf gewissermaßen adoptiert werden. In der Regel rufen Düsseldorfer
die Feuerwehr, wenn sich in ihrer Nachbarschaft ein Bienenschwarm niederlässt. „Und die Feuerwehr ruft dann uns an“, sagt Nießing. Oder man meldet sich direkt bei einem Imkerverein.

Die in der Beute verbleibenden Bienen ziehen sich dann in einer besonderen Zelle eine neue Königin heran, indem sie mit Gelee royal gefüttert wird.

Im Winter „wohnen“ in jeder Beute zwischen 9.000 und 12.000 Bienen. „Da geht es in erster Linie darum, die Königin zu schützen“, sagt Jens Nießing, „denn die sichert den Fortbestand, indem sie täglich rund 2.000 Eier legt.“ Im Sommer bevölkern bis zu 60.000 Bienen den Bienenstock.

Die Winterbienen, lernen wir, haben eine Lebenserwartung von neun Monaten, die Sommerbienen, die mit 20 km/h unterwegs sind und unermüdlich Nektar saugen und Pollen sammeln, schuften sich schnell zu Tode, ihre Lebenserwartung beträgt drei bis sechs Wochen. Noch ein bisschen Statistik gefällig? Vereinsvorsitzender Nießing weiß, „dass Bienen für jedes 500-Gramm-Glas Honig eine Strecke zurücklegen, die einem dreimaligen Flug um die Erde entspricht.“ Das wären dann rund 120.000 Kilometer. Um ihren Honigmagen zu füllen, muss das fleißige Bienchen rund 200 Blüten ansteuern, bevor es heim zur Beute fliegt. Dort geht das Sammelgut gewissermaßen von Mund zu Mund, wird dabei veredelt, indem ihm Drüsensekrete mit Eiweißverbindungen und keimtötende Inhaltsstoffe zugesetzt werden. Erst dann lagern die schlauen Bienen die neue
„Fuhre“ ein.

Rauch von Lavendel hält die Bienen in der Beute – der Qualm signalisiert Waldbrand

Kein Wunder, dass reiner Honig seinen Preis hat. „Der ist bei uns höher als im Supermarkt“, sagt Jens Nießing, für 500 Gramm nehmen wir sechs Euro.“ Die Vereinsmitglieder verkaufen ihren Honig auch selbst, im Kleingartengelände „Sonniger Süden“ (Am Südfriedhof 30), allerdings nur sonntags von 9:00 bis 12:00 Uhr. Wo man von den rund 250 Düsseldorfer Imkern Honig direkt aus der Landeshauptstadt sonst noch kaufen kann, erfährt man auf der Website imkerverein-duesseldorf.de.

Klaudia Zepuntke hat festgestellt, dass Imkern derzeit „total trendy“ ist. Imkern kann im Prinzip jeder. Man kann – googeln reicht – ein Bienenvolk kaufen und loslegen. Aber – stop! Wir leben in Deutschland und da gibt’s Regeln. Wer ein Bienenvolk gekauft oder „eingesammelt“ hat, ist verpflichtet, es dem Veterinäramt der Stadt zu melden, außerdem der sogenannten Tierseuchenkasse, einer Landeseinrichtung. Die praktiziert auch die angebrachte Seuchenkontrolle, wie etwa 2014, als eine Krankheit namens Faulbrut grassierte. Vereinsvorstand Chris van der Graaf (44): „Da durfte keine Beute, kein Werkzeug das Sperrgebiet verlassen.“ Allerdings hatte sich der Schaden in Grenzen gehalten.

Die Organisation eines Bienenstocks: ein Wunder – schon Charles Darwin erkannte den Wert der Bienen für die Menschheit

Während wir auch über diesen Aspekt aufgeklärt werden, haben sich Klaudia Zepuntke und Jens Nießing auf die Bank gesetzt und füllen Saatgut ab. Bienenfreundliches Saatgut wird mit finanzieller Unterstützung der PSD Bank Rhein-Ruhr und des Allianz-Generalvertreters Martin Meyer in Düsseldorf unter die Leute gebracht. Die Unternehmen verschenken’s an ihre Kunden und die bringen es im Garten oder auf dem Balkon aus – auf dass den fleißigen Bienen das Futter nicht ausgehe.

Wolfgang Osinski

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